J.R. – Ein Weg durch Deutschland zurück nach Leipzig

Von Bösdorf/Elster das der Braunkohle weichen musste ging der Weg über Langenbuch( Thüringen ), weiter zurück nach Leipzig, dann nach Biberach an der Riß, Pausa, Zeulenroda und Schleiz bis hin zurück nach Leipzig und Markranstädt. Das hatte ca 18 Umzüge zur Folge, da ja auch innerhalb der Orte ab und an ein Wechsel teils sein musste teils erwünscht war.

Auf der Suche nach Heimat – und was davon bleibt

Ich wurde 1958 in Zwenkau bei Leipzig geboren und wuchs in Bösdorf/Elster auf. Der Ort lag zwischen Eythra und Hartmannsdorf, direkt am Elsterstausee und an der B2. Für mich war Bösdorf meine Heimat – der Ort meiner Kindheit, meiner Erinnerungen und der Menschen, die mein Leben geprägt haben.


Doch diese Heimat sollte nicht bleiben.


Im Jahr 1980 begann der Abriss von Bösdorf für den Tagebau Zwenkau. Damit begann für mich eine lange Odyssee der Heimatlosigkeit – und zugleich eine Suche nach einem Ort, den ich wieder Heimat nennen konnte.


Mein erster Weg führte mich nach Langenbuch in Thüringen. Zunächst schien dort ein neuer und guter Lebensabschnitt zu beginnen. Eine ganz besondere Bedeutung bekamen dabei meine ersten Begegnungen mit den besten Freunden des Menschen – den Hunden.


Da war zunächst Kati, eine Schäferhündin mit Schutzhundprüfung. Kurz darauf kam Berry dazu, ein Schäferhundrüde, der eine konsequente und erfahrene Hand brauchte, aber im Grunde einen guten Charakter hatte.


Mit Berry begann für mich eine wichtige Lebensschule. Ich musste lernen, Verantwortung zu übernehmen, Grenzen zu setzen, Vertrauen aufzubauen und vor allem zu verstehen, dass Erziehung niemals nur den Hund verändert – sondern immer auch den Menschen selbst.


Die Hunde wurden zu einem wichtigen Teil meines Lebens und begleiteten mich auf meinem weiteren Weg. Sie haben mir auf ihre eigene Art gezeigt, was Vertrauen, Treue und Verantwortung bedeuten.


Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Zunächst traf mich ein Unfall, später kamen persönliche Schicksalsschläge hinzu. All das führte schließlich zu meiner Rückkehr nach Leipzig, nach Grünau.


Heute sehe ich diese Rückkehr als einen der größeren Fehler meines Lebens. Aber auch daraus habe ich gelernt: Nicht jeder Weg, den wir einschlagen, führt dorthin, wo wir hinwollen. Manchmal müssen wir Umwege gehen, Entscheidungen bereuen und mit Dingen leben, die wir nicht mehr ändern können.


Es folgten ca 10-12 Jahre über die man nicht Reden möchte.


Dann kam das Jahr 1989 – und plötzlich sollte sich mein Leben grundlegend verändern.
Und unbewusst mit meinen Entscheidungen damals,das gesamte Leben fast der ganzen Familie Räche !


Es ging zunächst nach Prag und von dort aus mit einem Sonderzug nach Biberach an der Riss. Die Entscheidung, mich damals in diesen Zug nach Prag zu setzen, war eine Entscheidung, deren Bedeutung ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht erkennen konnte.


Sie sollte nicht nur mein eigenes Leben verändern. Sie sollte für viele Menschen, die damals zum Teil noch Kinder waren erst später geboren wurden, der Anfang eines neuen Lebens und einer neuen Heimat werden.


In Biberach trafen schließlich große Teile der Familie Räche wieder zusammen – Menschen aus Leipzig, Bösdorf/Elster, Langenbuch und Bermsgrün im Erzgebirge. Es kamen Eltern,Bruder , Schwester, Cousin, Onkel und Tanten.


Was damals niemand ahnen konnte: Biberach an der Riss sollte für einen großen Teil unserer Familie zu einer neuen Heimat werden die sie ohne meine Entscheidung niemals kennengelernt hätten.


Wenn ich heute auf diesen Weg zurückblicke, sehe ich nicht nur die Orte, an denen ich gelebt habe. Ich sehe Menschen, Entscheidungen, Verluste, Fehler, Freundschaften und Begegnungen, die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.


Ein Gedanke für die Zukunft


Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meinem Leben weitergeben möchte:


Haltet eure Erinnerungen fest. Vergesst nicht, woher ihr kommt.


Orte können verschwinden. Häuser können abgerissen werden. Landschaften können sich verändern. Menschen, die uns wichtig waren, werden irgendwann nicht mehr da sein. Aber solange wir uns erinnern und unsere Geschichten weitererzählen, geht das, was einmal war, nicht vollständig verloren.


Meine Heimat Bösdorf gibt es so nicht mehr. Trotzdem ist sie ein Teil von mir geblieben.


Und vielleicht ist genau das Heimat: Nicht unbedingt ein Ort, an den man jederzeit zurückkehren kann, sondern etwas, das man in seinem Herzen mit sich trägt.


Für die Zukunft wünsche ich mir, dass diejenigen, die nach uns kommen, ihre eigenen Wege gehen, ihre eigenen Entscheidungen treffen und auch aus Fehlern lernen dürfen. Aber ich hoffe ebenso, dass sie dabei nie vergessen, wo ihre Wurzeln liegen und welche Menschen vor ihnen diesen Weg gegangen sind.


Denn unser Leben besteht nicht nur aus dem, was vor uns liegt.


Es besteht auch aus dem, was hinter uns liegt – und aus den Spuren, die wir für diejenigen hinterlassen, die nach uns kommen.

Die Kohle nahm die Heimat,
das Schicksal zeriss die
Familie
Es gab auch einige Höhepunkte in meinem Leben, die ich nie vergessen werde – allen voran die Geburt meiner Kinder. Bei zwei von ihnen durfte ich dabei sein und miterleben, wie sie das Licht der Welt erblickten. Bei meiner ältesten Tochter gab es diese Möglichkeit damals leider noch nicht.

Wenn ich heute zurückblicke, muss ich aber auch ehrlich zu mir selbst sein: Bei meiner Ältesten war ich nicht der Wegbegleiter, der ich hätte sein sollen. Und auch bei meinen beiden jüngeren Kindern war ich durch meinen Beruf viel zu oft unterwegs. Teilweise habe ich über Jahre hinweg eine Sechs-Tage-Woche gearbeitet.

Heute weiß ich, dass sich manches im Leben nicht zurückholen lässt. Die Zeit mit den eigenen Kindern gehört dazu. Umso dankbarer bin ich für die Momente, die ich mit ihnen erleben durfte, und umso mehr bedaure ich die Momente, in denen ich nicht für sie da sein konnte.

Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Ich kann keine Stunden zurückholen und keine verpassten Augenblicke nachholen. Aber ich kann heute ehrlich damit umgehen. Ich kann anerkennen, wo ich Fehler gemacht habe, ohne die Liebe zu meinen Kindern infrage zu stellen. Denn eines war immer da, auch wenn ich es vielleicht nicht immer so zeigen konnte, wie es nötig gewesen wäre: meine Liebe zu ihnen. Die Familie ist einfach zu kurz gekommen in meinem Leben, obwohl sie mein einziger Halt im Leben war.

Eine Geschichte über den persönlichen Lebensweg von J.R., ehemals aus Bösdorf/Elster – einen Weg durch Deutschland, der vor 40 Jahren begann und schließlich zurück nach Leipzig führt

68 Jahre. Ein Leben.
Viele Orte. Eine verlorene Heimat.
Von Bösdorf/Elster, das der Braunkohle weichen musste, weiter nach Langenbuch ( Thüringen ) zurück nach Leipzig,1989 über Prag nach Biberach an der Riß, zurück nachPausa ( Vogtland ), Zeulenroda und in Schleiz ( fast 15 Jahre ) zurück nach Leipzig jetzt Markranstädt Stadt am See.
Diese Webseite ist der Versuch die Geschicht zu bewahren, die Geschichte dieses Weges: mit Fotografien, Dokumenten, Erinnerungen und persönlichen Geschichten. Sie erzählt von Orten, die noch existieren, von Orten, die verschwunden sind, und von einem Leben, das durch die Veränderungen seiner Zeit geprägt wurde.
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